Die Höhlenwohnungen von Matera

Hundert Milliarden Lire – seinerzeit etwas 150 Millionen Mark – stellte der italienische Staat im Jahr 1987 zur Restaurierung und Wiederbelebung eines riesigen, auf die Spitze gestellten Termitenhügels zur Verfügung. Mit dem Geld sollten nach wiederholten vergeblichen Anläufen der Kern und die Keimzelle der in der süditalienischen Basilicata gelegenen Stadt Matera nach Jahrhunderten des Zerfalls wiederbelebt werde. – Auf 150 Millionen Euro schätzte im März 2011 fassungslos Bürgermeister Salvatore Adduce die Schäden, die pausenlose Regenfälle im Winter 2010/2011 an den Sassi, den uralten Höhlenwohnungen der Stadt, angerichtet haben. Diese Sassi, 1993 zum Weltkulturerbe ernannt – ihnen drohte erneut der Verfall.

Menschenschritte zur Zivilisation

Dabei geht es um ein in der ganzen Welt einzigartiges Natur- und Kulturdenkmal in Italiens antiker Landschaft Lukanien. Die Sassi, wörtlich eigentlich Steine, wie die rund 5.000 „angehäufelten“ Behausungen genannt werden, sind in ihrem Ursprung mehr als 3.000 Jahre alt. Sie sind angelegt wie ein riesiger Krater, der sich nach unten verjüngt. Am tiefsten Grund liegt in porösem Tuffstein Höhle neben Höhle wie ein versteinerter Schwamm. In den darüber aufsteigenden Etagen kann man nachgerade Menschenschritte auf dem Weg in die Zivilisation verfolgen: Über den fast naturbelassenen Höhlen schon Stützmäuerchen, Andeutungen von Terrassen, weiter oben „Höhlenhäuschen“, die aus dem Dunkel der Felsen hervortreten, und zuoberst kleine Villen, Paläste mit Säulen, Balkone, Dachgärten.

Hannibal zerstörte die Höhlenstadt

Diese Altstadt von Matera in der Basilica wird schon früh in der Geschichte mit Aufmerksamkeit registriert. Der griechische König Pyrrhos belagerte die um die Höhlen gebaute Stadt; zerstört wurde sie später von Hannibal. Wieder aufgebaut und immer wieder zerstört – die Höhlenstadt hatte ein wechselvolles Schicksal. In jüngerer Vergangenheit erlitt sie einen schleichenden Verfall, bis die Menschen wieder Höhlen brauchten. Zwischen den beiden Weltkriegen lebten von den 40.000 Einwohnern von Matera wieder 4.000 in den Höhlen; die Wohnungsnot zwang sie dahin. Behausungen, die zuvor nur noch als Abstellraum oder Keller genutzt worden waren, wurden wieder Wohnraum. Kein Wunder, dass sich Krankheiten ausbreiteten, dass sich dort auch lichtscheues Gesindel breit machte.

„Christus kam nur bis Eboli“

Die Behörden ließen schließlich die Sassi räumen. Die Verhältnisse dort hatten den von den Faschisten in die Nachbarschaft von Matera, in das Dorf Aliano, verbannten Schriftsteller Carlo Levi zu seinem dann 1947 erschienen Buch „Christus kam nur bis Eboli“ animiert – eine scharfe soziale Anklage gegen die Zustände in den Sassi.

Dann Notquartiere für Drogensüchtige

In den 1950er und 1960er Jahren schien die alte Stadt nicht mehr zu sein als ein sterbendes Denkmal, ein Müllplatz – nicht nur der Geschichte, ein Notquartier für Drogensüchtige, zugleich malerische Kulisse für Filmemacher und fotografierfreudige Touristen. Aber dann erinnerte sich die römische Administration an die kulturhistorische Attraktion. Kulturelle Institutionen, darunter Institute der Universität, fanden hier eine neue Bleibe. Altbürgermeister Francesco Acito sprach begeistert von einem „neuen Kapitel“ und die Industrie- und Handelskammer der Basilicata warb für die Sassi als der „Wendeltreppe menschlicher Evolution“. Heute leben hier wieder rund 2.500 Menschen. Aber die Gefahr ist stets virulent: Die Sassi könnten wieder sterben. Allerdings gibt es inzwischen einige Bemühungen, auch die kulturelle Seite der Stadt zu beleben. Spätestens, seit Matera im Oktober2014 zur „Kulturhauptstadt Europas 2019“ gewählt worden ist.

Und wer heute als Tourist nach Matera kommt, muß natürlich in einer Höhle wohnen. Beispelsweise luxuriös – ab 250 Euro die Nacht. Es geht aber auch alternativ, für 70 Euro pro Doppelzimmer.

Teaserfoto: Francesca Cappa, flickr.com, CC BY 2.0



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