Die Märchenstraße der Brüder Grimm

Zunächst war es die PR-Idee einer Reihe von Städten, Gemeinden und Landkreisen. Daraus folgte im Jahr 1975, begründet im historischen Rathaus der Brüder-Grimm-Stadt Steinau, eine Arbeitsgemeinschaft mit dem Namen „Die Deutsche Märchenstraße“. Heute sind 60 kommunale Körperschaften, wie es im Amtsdeutsch heißt, daran beteiligt. Und es ist somit eine der ältesten und beliebtesten Ferienrouten in Deutschland geworden. Es ist sozusagen ein 600 Kilometer langes Band, das sich vom mittleren Deutschland nach Norden zieht, genauer: Vom hessischen Hanau bis nach Bremen. Es markiert die Lebensstationen der Brüder Grimm und jene Orte und Landschaften, in denen die von ihnen gesammelten Märchen ihren Ursprung haben. Diese Märchenreise geht also vom Geburtsort Hanau der Brüder Grimm bis zu den Bremer Stadtmusikanten. Wer sie erwandern und – im doppelten Sinn – erfahren will, kann sich als Wegweisung an dem als Herz ausgeformten Kopf einer Märchenfee orientieren.

Die deutsche Märchenstraße bietet am Wegesrand Kunst und Geschichte, führt auch heute noch zu verwunschenen Fachwerkstädtchen, zu Schlössern und Burgen, verbindet Museen und Galerien; in vielen dieser den Brüder Grimm verbundenen Ortschaften gibt es Konzerte, Theateraufführungen, Puppenspieltage, Märchenwochen, Marionettentheater. Und dies alles ist eingebettet in Mittelgebirgslandschaften wie der hessische Vogelsberg oder der Spessart, dazwischen die Schwalm, dann der Knüll, das Eichsfeld, das Weserbergland und schließlich die norddeutsche Tiefebene. Landschaften, die zum Wandern einladen oder mit dem Fahrrad erlebt werden können.

Die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm hatten zu Beginn des 19. Jahrhunderts zumeist in ihrer hessischen Heimat dem Volk genau „aufs Maul geschaut“ und aufgeschrieben, was an Kinder- und Hausmärchen überliefert war. Der erste Band ihrer Märchensammlung erschien 1812; er enthielt in erster Linie Märchen, die sie in Südhessen, in der Main- und Kinzig-Gegend der Grafschaft Hanau, woher sie stammten, entdeckt hatten. Danach sprach sich ihr Ruf rasch herum, viele Türen öffneten sich, und der zweite Band konnte schon 1814 veröffentlicht werden. Dabei allerdings waren sie vom Glück begünstigt. Es war purer Zufall, dass sie in dem nahe Kassel gelegenen Dorf Niederzwehren eine Bäuerin kennen lernten, die mit ihrem Märchenschatz schier übersprudelte. Die „Viehmännin“ war es – sie ist in die deutsche Märchengeschichte eingegangen. Die Brüder Grimm schilderten sie folgendermaßen: „Die Frau Viehmännin war noch rüstig und nicht viel über 50 Jahre alt“. Und weiter: „Sie erzählte bedächtig, sicher und ungemein lebendig, mit eigenem Wohlgefallen daran“.

Foto: Deutsche Märchenstraße e.V.

Foto: Deutsche Märchenstraße e.V.

Die 600 Kilometer lange Deutsche Märchenstraße kann in drei Abschnitte eingeteilt werden:

– Zwischen Hanau (Geburtsort der Brüder Grimm) und Kassel empfehlen sich beispielsweise Gelnhausen, die Stadt Steinau (wo die Grimms ihre Kindheit verbrachten), Herbstein (Vogelsberg), Marburg (Studienort der Märchensammler), Schwalmstadt (die „Hauptstadt“ des Rotkäppchen-Landes), Kassel mit Niederzwehren (Wohnort der Viehmännin) oder die Sababurg (Dornröschens Märchenschloss).

– Zwischen Kassel und Höxter: Hier bieten sich zwei unterschiedliche Strecken an. Da ist einmal die Frau-Holle-Route mit Standorten wie Helsa (Rumpelstilzchen), Hessisch Lichtenau, Heilbad Heiligenstadt, Göttingen (Lehr- und Forschungsstätte der Brüder Grimm), Fürstenberg und Höxter. Daneben gibt es die Dornröschen-Route. Sie führt von Kassel über Hannoversch Münden (Sterbeort des Doktor Eisenbarth) über den Reinhardswald (wieder mit dem Dornröschenschloss Sababurg), weiter über Trendelburg und Bad Karlshafen nach Höxter.

– Zwischen Höxter und Bremen läuft die Märchenstraße wieder „einspurig“ über Bodenwerder (Baron Münchhausen), Hameln (Herkunft der Sage vom Rattenfänger von Hameln) nach Bad Oeynhausen (mit dem Märchen- und Wesersagenmuseum), Porta Westfalica, Nienburg, Verden (Märchen- und Freizeitpark) nach Bremen zu den Bremer Stadtmusikanten – und auch nach Buxtehude (Der Hase und der Igel).

Es versteht sich von selbst, dass entlang der Deutschen Märchenstraße Gastlichkeit in den unterschiedlichen landschaftlichen Ausprägungen Trumpf ist. Der Märchenwanderer kann sich allerorten verwöhnen lassen mit Märchenmenüs, in Scheunenfesten, bei Fürstenbanketten und mittelalterlichen Tafelyen – oder einfach bei deftiger Hausmannkost.



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