Venedig will Touristenströme stoppen

Es war eine lange Zeit des Verfalls, der erst in der Mitte des 20. Jahrhunderts aufhörte. Um an der Wende zum 21. Jahrhundert wieder einzusetzen. Venedig ist ein äußerst morbides Juwel geworden. Um die Lagunenstadt herum, auf benachbartem Festland, qualmen die Schlote der Fabriken; ihr Rauch, die Abgase zehren an der Substanz der Palazzi, und in den Herzstücken der Stadt, auf den Kanälen und überall darum herum, tummeln sich jährlich 25 Millionen Touristen; täglich besuchen bis zu 100.000 Menschen die Lagunenstadt. Wertvolle Historie wird buchstäblich tot getrampelt. Kein Wunder also, dass ein einflussreicher Venezianer, der frühere Bürgermeister Costa, heute Präsident der Hafenbehörde, einen „Numerus clausus“ für Touristen fordert.

Einer Stadt droht die Zerstörung

Das hat eine lebhafte Debatte in der Stadt ausgelöst. Costas Initiative stützt sich auf beunruhigende Tatbestände: Der „World Monument Fund (WMF)“ nämlich hatte im Jahr 2013 Venedig in die Liste der 65 historischen und archäologischen Stätten von weltweitem Interesse aufgenommen, die gefährdet sind. Die Begründung ist knapp, einleuchtend und stand eigentlich schon seit geraumer Zeit im Raum: Venedig ist laut WMF „ein dramatisches Beispiel eines vom Tourismus stark abhängigen Wirtschaftsmodells, das eine Stadt zu zerstören droht“.

Es soll kein Vergnügungspark werden

Der Präsident der venezianischen Hafenbehörde will also den Zustrom an Touristen limitieren, will Eintrittskarten ausgeben, will Eintritt erheben – ohne dass einkommensschwache Touristen darunter zu leiden hätten; kurzum, er will den Touristenstrom lenken und senken. Dagegen allerdings wehrt sich der amtierende Bürgermeister Orsoni. Auch er will Einschränkungen des Touristenstroms, aber ohne Eintrittskarten ausgeben zu müssen. Dies nämlich würde nach seiner Ansicht bedeuten, die Stadt zum „Vergnügungspark“ zu machen. Das aber sei sie nicht – sie sei lebendig.

Wie Radfahrer im römischen Verkehrschaos

Zu lebendig, auch auf dem Wasser. Das war einmal mehr bewusst geworden, als ein 50jähriger Münchner bei einem Gondelunfall auf dem Canal Grande nahe der Rialto-Brücke tödlich verunglückt. Die Gondel war mit einem Vaporetto, einer Art Wasserbus, zusammengestoßen. Der Gondolieri-Verband sprach anschließend von einer „angekündigten Tragöde“. Der Canal Grande ist Tag für Tag total überfüllt, denn er ist seit dem Mittelalter nicht breiter geworden. Der Kanal ist voller motorisierter Kähne. Heute durchqueren täglich rund 3500 solcher Boote die Stadt: Schwerfällige Vaporetti, schnelle Wasser-Taxi, private Wasserlimousinen und nicht zuletzt Frachtkähne. Täglich steigen bis zu 30.000 Touristen auf die Schiffe, die meistens vom Hauptbahnhof Santa Lucia bis in die Lagune schippern. Die unzähligen Gondeln dazwischen haben da eine Rolle wie Fahrradfahrer im römischen Verkehrschaos.

Kreuzfahrtschiffe am Markusplatz

Der Touristenstrom ist in den letzten Jahrzehnten wie eine Wucht über Venedig hereingebrochen – und hat zu Unwucht geführt. Die wird auch an einem anderen Beispiel deutlich: Rund 1,5 Millionen Touristen strömen zusätzlich von den Kreuzfahrtschiffen, die bislang in die Lagune fuhren, gefährlich dicht am Markusplatz vorbei. Es ist nicht nur optisch eine Schande – die Schiffe sind oft doppelt so hoch wie die Paläste der Stadt. Sie bergen natürlich auch beträchtliche Unfallgefahren. Man weiß es, nicht zuletzt seit dem Unglück der „Costa Concordia“ im Januar 2012. Jetzt sind die Bremsen angezogen worden; Das Fahrverbot trat im November 2014 in Kraft.

Foto: Tambako The Jaguar, flickr.com, CC BY-ND 2.0



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